“Von Rossen und Rennpferden”

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Zur Mahnpredigt von Kardinal Joachim Meisner auf der Vollversammlung der Bischöfe in Fulda.

Kardinal Meisner hat wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen. Und ein Nagel, der in einen maroden Knochen getrieben wird, muss wohl erst einmal weh tun, bevor er seine heilende Wirkung entfalten kann. Wen wundert es, dass die Schreie danach laut wurden.(DT vom 28. September und 1. Oktober 2002)

Man kann dem Kardinal nicht dankbar genug sein für seine deutlichen Worte. Kardinal Meisner ist wirklich ein Hoffnungsträger für Millionen von Katholiken im deutschsprachigen Raum. Das Geschrei des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) überrascht mich nicht. Wenn ein Sprecher des ZdK nun entrüstet fragt, wer denn überhaupt noch in die Kirche käme, wenn nicht die Verbände (Trierischer Volksfreund vom 26. September), so zeigt das doch einen beachtlichen Realitätsverlust. Oder war der Mann nur einfach viele Jahre lang nicht in der Kirche? Jedenfalls wird wieder einmal deutlich, dass das ZdK in erster Linie den Verbandskatholizismus vertritt und nicht berechtigt ist, für alle katholischen Laien zu sprechen. Der kirchenpolitische Sprecher der Union im Bundestag, Hermann Kues blamiert sich ausgerechnet damit, dass er dem Kardinal vorwirft „jede Bodenhaftung“ verloren zu haben. Hätten Herr Kues, die Zentralkomiteeisten der Union und andere führende Persönlichkeiten von CDU und CSU mehr Bodenhaftigkeit bewiesen, dann hätten sie die Wahl nicht verloren, sondern rechtzeitig gemerkt, dass ihnen ein beachtlicher Teil ihrer katholischen, aber auch evangelischen Stammwählerschaft abhanden kommt. Dann hätten sie sich rechtzeitig in den so viel beschworenen Dialog mit ihren kirchlich gesinnten Mitgliedern und Wählern begeben. Oder glaubt die Union, auf einen Teil ihrer Stammwähler verzichten zu können?

Zu den von Kardinal Meisner benannten Problemen möchte ich noch einige hinzufügen. Der Kardinal hat sehr recht getan, diese Predigt vor den Bischöfen zu halten; denn wenn die Katholiken wenig Glaubenswissen haben, müssen sich die Bischöfe schon Fragen gefallen lassen.
Wie sieht es denn aus mit den Schnellkursen an Nettigkeit der Kommunion- und Firmkinder? Wie sieht es an den Fakultäten, den Ausbildungszentren der Kirche, in Katechese und Verkündigung aus? Von saarländischen Gymnasiasten höre ich, dass in den letzten vier Jahren im Religionsunterricht der Name Jesus Christus so gut wie nicht vorkam. Seit Jahren wird das in ganz Deutschland beklagt. Wo ist denn nun endlich die Antwort der Bischöfe? Wo soll denn hier noch Glaubenswissen herkommen? Auch muss man auf eine seltsame Allianz in Sachen Oberflächlichkeit, mangelndem Glaubenswissen und mangelnder Kirchlichkeit hinweisen zwischen Amt, Verbänden und kirchlicher Presse.

Ein besonderes Beispiel hierfür sind die Vorgänge um die katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) im Bistum Trier und das Kabarett „Vanessa Backes und die Madonna von Marpingen“, die lange die hiesige Presse und sogar das Fernsehen beschäftigten. In diesem Kabarett, das die kfd auf einem ihrer Treffen aufführen wollte, wurde in plumper und geistloser Weise die Muttergottes veralbert und die Kirche verunglimpft. „Willste mal en alten Nazi sehn, brauchste nur ins Hochamt gehen“. In rabiater Weise trampelt die Leitung der kfd im Bistum über die Empörung eigener Mitglieder, anderer Katholiken und vieler Geistlicher hinweg. Die bestimmende Kraft in der kfd war die Geschäftsführerin, die – man höre und staune – in Personalunion Ordinariatsrätin im Trierer Generalvikariat war.
Ein Pfarrer, der der kfd lange als Präses vor Ort gedient hatte, aber in Sachen Kabarett sich im Pfarrbrief scharf gegen sie gewandt hatte, wurde durch die Leitung unter Führung der Frau Ordinariatsrätin monatelang juristisch unter Druck gesetzt, wobei ihm dasselbe Generalvikariat, in dem die Rätin wirkte, einen Anwalt stellte (sic!). Zugleich wurde der Geistliche vor Ort „dialogisch“ und „geschwisterlich“ gemobbt. Der geistliche Berater der kfd-Trier, ein Regionaldekan der Diözese, sprach im Bistumsblatt von dem Kabarett als eines der besten, das er jemals gesehen habe, und von Gottes Geist, der in diese Weite führe. Die ganze Angelegenheit selbst wurde ein Kabarett. Das Bistumsblatt Paulinus und der Verband der Pastoralreferenten leisteten der kfd reichlich Schützenhilfe. Außerdem hatte die kfd-Leitung auf ihrer Tagung in Maria Laach sowie in der Beilage zu ihrer Verbandszeitung die Frauen zu Ungehorsam und Kirchenstreik ermuntert. Wenige Monate nach der Amtsübernahme durch Bischof Dr. Reinhard Marx wurde die Ordinariatsrätin aus dem Dienst der Diözese Trier „verabschiedet“, um anderswo ihre Tätigkeit „für eine geschwisterliche Kirche“ (Bistumszeitung Paulinus) fortzusetzen.

Man kann Kardinal Meisner nicht dankbar genug sein, dass er die längst überfällige Diskussion über solche Zustände angestoßen hat. Wir müssen neu darüber nachdenken, wer wir sind und was wir tun sollen. In Jesaja 30,15-17 hält Gott seinem Volk vor, dass nur in Umkehr und Ruhe seine Rettung liegt, dass nur Stille und Vertrauen uns Kraft verleihen. „Doch ihr habt nicht gewollt.“ Auf Rossen will sein Volk dahineilen und auf Rennpferden fliegen, bis dass nichts mehr von diesem Volk übrig ist.

Unsere Rosse und Rennpferde heißen „Strukturen“ und „Kompetenzen“. In unserer Kirche findet ungeheuer viel Ausbildung statt. Wir holen hochbezahlte Berater aus Management und Werbung. Aber wo ist unser Vertrauen auf den Herrn der Kirche, auf sein Wort, auf Gebet, Anbetung und Lobpreis und vor allem auf Christi Gegenwart in den Sakramenten? „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Joh.15,5). Was tun wir nicht alles in unserem persönlichen Leben und vor allem in der Kirche ohne unseren Herrn. Muss das nicht alles scheitern?
Ich wünsche mir, dass die Diskussion, die Kardinal Meisner vor den Bischöfen begonnen hat, im Geiste Christi stetig weitergeführt wird. Dann wird sie auch Früchte tragen.

Dr. Michael Schneider-Flagmeyer

Erschienen in der Tagespost am 5. Oktober 2002

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