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Barmherzigkeit – Misericordia

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Das lateinische Wort Misericordia erklärt klarer und tiefer als das deutsche Wort Barmherzigkeit, was wir unter Gottes „Barmherzigkeit“ verstehen dürfen. Das lateinische cor dare heißt, das Herz (cor) geben (dare). Gott hat sein Herz, seinen Sohn Jesus Christus uns Menschen hingegeben für unserer Misere, unser Elend: Misericordia – Barmherzigkeit.

Gott blickt mit so unendlicher und unbegreiflicher Liebe auf unser Elend (Misere), dass er in seinem Sohn Mensch wird „als die Zeit erfüllt war“ (Gal 4/4), Mensch „geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen.“ In seiner großen Liebe hat Gott selbst in seinem Sohn das getan, was wir mit aller Mühe und Anstrengung nicht erreichen, nämlich das Gesetz zu erfüllen. Paulus beschreibt im siebten und achten Kapitel des Römerbriefes dieses Zerissensein des Menschen zwischen dem in uns herrschenden „Gesetz“ der Sünde und der Sehnsucht nach der Befolgung des göttlichen Gesetzes. „Ich armer, unglücklicher Mensch, wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten? Gott sei Dank durch Jesus Christus unseren Herrn!“ Gott selbst hat es getan, in dem er sein Herz, Jesus, gab für unsere Misere, die Paulus so verzweifelt und dramatisch beschreibt. Papst Benedikt XVI. hat das oft so beschrieben, dass der Mensch lebt und sich bewegt in dem Spannungsfeld zwischen den Polen der äußersten Verworfenheit und der göttlichen Gnade, die alle unsere Verworfenheit übersteigt und immer siegt, wenn wir sie denn suchen und uns (manchmal auch unbewusst) nach ihr austrecken. “Er kommet zum Gerichte, zum Fluch dem, der ihm flucht; mit Gnad und süßem Lichte, dem, der ihn liebt und sucht.“ (Paul Gerhardt). Wer sich für Gott entscheidet, entscheidet sich für das Leben mit ihm, das in Ewigkeit nicht vergeht.

Jesus hat gesagt, dass er nicht gekommen ist, die Welt zu richten, sondern um sie zu retten. Und er sagt, dass er das Gesetz nicht aufhebt und warnt uns davor dieses zu tun. Er selbst tut das, was wir nicht können, nämlich das Gesetz erfüllen. Und so bleiben wir in diesem Spannungsfeld zwischen der in uns in sich verkrümmten „Welt“ (Paulus) und der Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Wir müssen weiter wie der Patriarch Jakob am Jabbok mit dem „Engel des Herrn“, Gott selbst ringen und dürfen mit Jakob ihm zurufen: „ Ich lasse dich nicht, bis du mich segnest“ (Gen 32,23-31). „Und er segnete ihn daselbst.“ Kampf macht stark und Gott läßt uns in diesem (geistlichen) Kampf wie den Jakob gewinnen.

Gleichzeitig schlägt er ihn auf die Hüfte, so dass Jakob bis ans Ende seines Lebens hinken muss. Warum? Damit er (der Mensch) Gott nicht mehr so leicht davonläuft. Es ist der Stachel in unserem Fleisch, der „Sendbote Satans“ wie Paulus sagt, als er vor Gott über diesen Schlag, diesen Stachel klagt. Aber Gott gibt ihm (und uns) keine Antwort auf seine Warum-Frage, sondern sagt ihm auf seine Bitte um Befreiung von diesem Leid und auch uns: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in deiner Schwachheit mächtig:“ Der Stachel in unserem Leib, die Behinderung durch den Schlag auf die Hüfte bleibt, damit wir Widerspenstigen auf dem Weg bleiben, der Christus selbst ist.

Aus all diesem kommt der heilige Paulus zu der Erkenntnis, dass es das Erbarmen Gottes ist, das uns (immer wieder) rettet. Gott hat in der Neuzeit drei Prophetinnen der Barmherzigkeit in seine Kirche gesandt. Die erste war im 17. Jahrhundert Margarete Marie Alacoque. Ihr zeigte der gekreuzigte Heiland sein barmherziges Herz, das für die Menschen durchbohrt wurde. Erschütternd ist seine Klage: „Wenn sie mich doch ein wenig wiederlieben würden.“

Im frühen 20. Jahrhundert ist es im Nordosten in Polen die heilige Sr. Faustina, der Christus immer wieder erscheint, um ihr die Botschaft von seiner unendlichen Liebe und dem Erbarmen Gottes für uns alle mitzuteilen. In welchem Zustand sich die Seele auch befindet, sie soll sich vertrauensvoll im Gebet an Gott wenden. Wenn die Seele wie ein verwesender Leichnam wäre, wäre jede Hilfe nach menschlichem Ermessen unmöglich. Für Gott, so Jesus zu Faustina, ist das aber nicht so. Er kann und wird auch die „gestorbene“ und verwesende Seele wieder beleben.

Wir denken an die Vision des Propheten Ezechiel, wo der Prophet vor ein mit menschlichen Knochen übersätes Feld geführt wird. Und die Stimme des Herrn sagt: „Menschensohn, sprich prophetisch über diese Gebeine.“ Und in die Gebeine kommt wieder Fleisch und Leben. Ein wunderbares Bild von Gottes Barmherzigkeit gibt uns in einer wahren Begebenheit die dritte Prophetin der Barmherzigkeit. Während in Polen die heilige Sr. Faustina die barmherzige Liebe des Herrn verkündet und den ganzen Trost der göttlichen Offenbarung unserer so gefährdeten Welt verkündet, ist es im Südwesten fast gleichzeitig die Spanierin Mutter Speranza, die in Italien einen Schwestern- und einen Priesterorden gründet und einen der bedeutendsten Wallfahrtsorte Europas stiftet im Santuario di Collevalenza, dem Heiligtum der göttlichen Barmherzigkeit. Sie wurde im Gegensatz zu Sr. Faustina sehr alt und ihr Seligsprechungsprozess läuft noch.

Mutter Speranza steht eines Tages am Fenster und beobachtet im gegenüber liegenden Klostergarten, wie ein Schwester faul die Zeit vertrödelt. Sie will gerade hinunter gehen, um der Schwester die Leviten zu lesen, da kommt auf der Straße, die zwischen dem Kloster und dem Garten liegt, ein Fuhrwerk eines Bauern mit Erntegut gefahren. Und genau unter ihrem Fenster stürzt das Pferd und fällt hin und Wagen und Früchte fallen auf die Straße. Was tut der Bauer? Er kümmert sich nicht um sein Gut, sondern kniet bei seinem Pferd nieder, löst ihm das Geschirr, nimmt seinen Kopf in die Arme, spricht dem Pferd gut zu, hilft ihm auf und erst als das geschehen ist, kümmert er sich um seinen Wagen und seine Ware.

Mutter Speranza versteht, was Gott ihr sagen will. Er kümmert sich liebevoll um seine gefallenen Menschenkinder, tröstet sie, stärkt sie, verbindet ihre Wunden, hilft ihnen auf und dann kümmert er sich um sein Gut, sein Gesetz. Als der Bauer wieder weiterfuhr, geht sie schnell in den Garten und nimmt die faule Schwester in ihre Arme, um ihr barmherzig aus ihrer Situation herauszuhelfen.

„Da kam ich an dir vorüber und sah dich in deinem Blute zappeln und ich sagte zu dir, als du blutverschmiert dalagst: Bleib am Leben!“ (Ez 16,6). Jesus ist gekommen, damit wir nicht nur am Leben bleiben, sondern das Leben in Fülle haben. Er hat nicht gesagt: „ Ihr Ferkel, euch werde ich schon Mores lehren“, sondern er hat mit ausgestreckten Armen gesagt: „Kommt alle her zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ (Matth 11,29)

Das heißt für uns: alle unsere Schwierigkeiten in der Ehe, mit den Kindern, in der Einsamkeit, mit den uns umgebenden Menschen, im Beruf, mit uns selbst, mit unserer Sexualität, alles was unheil in uns und unserer Umgebung ist, dürfen und sollen wir zu Jesus tragen, damit er uns Hilfe verschafft. Er hat uns dazu aufgerufen und uns seinen Beistand verheißen, und er ist treu, wo wir noch untreu sind. Kaputtes muss man zum Hersteller zurückbringen, weil nur er weiß, wie es zu erneuern ist!

Damit ist jedem pseudofrommen Rigorismus eine klare Absage erteilt! Die Heilige Schrift spricht im Alten wie im Neuen Testament von der uns rettenden Barmherzigkeit Gottes. „Der Herr erlöst seine Knechte. Wer sich zu ihm flüchtet, bleibt straflos“, versichert uns der große König David, „ ein Mann nach Gottes Herzen“ im Psalm 34. “Alle, die den Namen des Herrn anrufen, werden gerettet.“ Hier wird uns auch die Voraussetzung genannt, die wir für Gottes frei geschenkte Barmherzigkeit brauchen. Wir müssen sie wollen und uns nach ihr ausstrecken. Sie wird uns nicht aufgedrängt. Sie ist da als ein Teil von Gottes unendlicher Liebe. Und Liebe muss konsequent sein; denn sonst ist sie nur Gefühlsduselei. Gott, der die Liebe selbst ist, ist auch in ihr konsequent. Das bedeutet, dass er uns auch kräftig in die Parade fahren kann, um uns auf den Weg des Heils zu bringen. Aber der Christ darf wissen, dass ihn nichts von der Liebe Gottes trennen kann, wenn er sie sucht, nicht einmal die Sünde, die wir als unsere Last zu Jesus tragen dürfen.

Die heilige Bernadette von Lourdes wurde gefragt, was ein Sünder ist. Und dieses von Gott erleuchtete Kind, das als schwach begabt galt, antwortete: „Ein Sünder, Monsieur, ist einer, der die Sünde liebt.“ Sie sagte „liebt“ und nicht „tut“. Damit erinnert sie uns an den Römerbrief, in dem, wie oben erwähnt, sich der Apostel mit dem Tun und Wollen auseinandersetzt. Wir alle tun die Sünde, aber wir wollen und dürfen sie nicht lieben; denn wer die Sünde liebt, trennt sich von der Liebe Gottes und damit von seiner Barmherzigkeit. Gott hat alles gegeben, sein Herz (cor dare) für unsere Misere. Mehr ist nicht zu geben. Wir brauchen seine Misericordia nur mit dankbarem Herzen annehmen und aus ihr leben. Wie sehr die Welt von heute die Barmherigkeit Gottes braucht, und wie sehr diese allem Rigorismus, an dem es bei manchen Menschen in der Kirche nicht mangelt, entgegensteht, daran haben uns die Päpste in ihrem Pertusdienst immer wieder erinnert. Der selige Papst Johannes Paul II. hat 1980 in seiner großen Enzyklika “Dives in Misericordia” uns die ganze Fülle der Barmherzigkeit Gottes in wunderbaren Worten erschlossen. Papst Benedikt XVI. hat dieses in seinen Enzykliken und auch in seinen drei Jesus-Bänden fortgeführt. Und Papst Franziskus wird nicht müde, uns immer wieder klar zu machen, dass die Barmherzigkeit Gottes uns zur Liebe befreit und in uns alle Furcht vertreibt.

Ja selbst unsere Sünden werden durch unsere Barmherzigkeit getilgt. “Denn Barmherzigkeit rettet vor dem (ewigen) Tod und reinigt von jeder Sünde.” (Tobit 12,9) Es ist der Erzengel Rafael (“Gott heilt”) der dieses in der Rede sagt, die er zum Abschied vor seiner Rückkehr in den Himmel Vater und Sohn, Tobit und Tobias, hält. Und Jesus hat uns in den Seligpreisungen (Matth. 5) versichert: “Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.” Laßt uns barmherzig werden und unser Herz geben (öffnen) für die Misere unserer Mitmenschen, damit auch wir Barmherzigkeit bei Gott erlangen; denn es ist sein Erbarmen, das uns rettet.

Michael Schneider-Flagmeyer

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